Mein Leben war schön!


  • Rückblick:


    Wir schreiben das Jahr 2003. Ein heißer Sommer stand vor der Tür, nie fühlte ich mich attraktiver, kraftvoller, unternehmenslustiger, als in diesem Jahr. Beruflich alles erreicht, ein sicherer Arbeitsplatz und ein Jahr zuvor der Umzug in meinen alten „Kiez“. Mitte 40, zufrieden mit mir selbst und der Welt.

    Im Juni 2003 erwischte mich völlig unvorbereitet die Zufallsdiagnose Krebs. Die Diagnostikmaschinerie hatte mich fest in ihren Klauen, es erfolgten Operationen, Chemotherapien und diverse Rehas. Körperlich ausgelutscht wie ein altes Kaugummi, versuchte ich ein Jahr nach Therapie-Ende meine berufliche Tätigkeit wieder aufzunehmen. Die Betonung lag auf „Versuch“! Kollegen, die anfangs noch großes Verständnis für meine körperliche sowie geistige Schwäche zeigten, wurden unwirsch. Mein Chef verstand nicht, warum ich Dienstreisen ablehnte. Irgendwann konnte ich nicht mehr und mein Arzt versetzte mich wieder in den Krankenstand, was dann auch ganz schnell die Krankenkasse auf den Plan rief, die mir riet, eine Erwerbsunfähigkeitsrente zu beantragen. Also noch einmal eine Reha mit dem Abschlußstatement der dortigen Ärzte „Die gute Frau kann nicht mehr am Berufsleben teilnehmen“. Peng... der Schuß war laut und wurde auch nicht von der Rentenversicherung überhört, denn mir wurde eine Erwerbsunfähigkeitsrente auf Zeit bescheinigt für die Dauer von 2 Jahren. Toll!! Von heute auf morgen wurde aus einer taffen, berufstätigen Frau eine Rentnerin und ich dachte „Was ist mein Leben doch armselig“.

    Irgendwie versuchte ich, in mein Rentner-Dasein ein wenig Normalität zu bringen, was angesichts der gehäuften, regelmässigen Arztbesuche schwer fiel. Hier ein Ct, dort ein MRT, an anderer Stelle bat man mich höflich um ein wenig Blut und entnahm mir dieses unhöflich, da meine Venen geschrottet waren, ein anderer Arzt bestand auf einer Magenspiegelung, was zur Folge hatte, daß danach eine Darmspiegelung anberaumt wurde. Herrjeh, irgendwie war mir bis dahin nie so ganz klar, an wie vielen Stellen eines menschlichen Körpers diagnostische Maßnahmen angesetzt werden können.

    Mein Arbeitgeber war mittlerweile angesäuert, denn meine Stelle konnte nicht dauerhaft besetzt werden, was den Vertretungsgehilfen nicht sehr amüsierte und so trat man eines Tages an mich heran mit der herzlichen Bitte, doch einen Aufhebungsvertrag zu unterzeichnen, was ich weniger herzlich ablehnte. Oha....hätte ich damals geahnt, dass ich mich durch diese Ablehnung zur „Persona non grata“, also zu einer unerwünschten Person degradierte, wäre zumindest meine Ablehnung höflicher ausgefallen, was aber wahrscheinlich am Resultat wenig geändert hätte.

    Zu meinen körperlichen Schmerzen kamen nun also auch noch seelische hinzu. Mein beruflicher Bekanntenkreis schrumpfte, das Telefon klingelte sehr viel weniger, Einladungen wurden nicht mehr ausgesprochen und ich fühlte mich nicht nur krank, sondern aussätzig im wahrsten Sinne des Wortes und ich dachte „Ich will sofort mein altes Leben zurück“.

    Auch das Kapitel Berufsleben war irgendwann abgehakt, wie auch die unendlichen Gespräche mit meinem damaligen Arbeitgeber und der Rentenbund hatte ohne mein Zutun ein Einsehen und berentete mich auf unbestimmte Zeit. Eine Bekannte kommentierte dieses Ereignis mit den Worten „Sei froh, ich würde alles tun, um nicht mehr arbeiten zu müssen“ , was mich unkontrolliert den Satz aussprechen ließ „Das ist nicht so schwierig, suche Dir einfach einen netten Krebs aus“ und ich dachte „Ich ertrage dieses Leben nicht mehr“.

    Die Prognose bei meiner Diagnose war mehr als schlecht, der Überlebensmittelwert lag bei 1 ½ Jahren. Meine körperliche Unversehrtheit war dahin, ich fühlte mich verstümmelt und geschunden. Manchmal hatte ich Probleme, morgens aus dem Bett zu kommen, da die postoperativen Nervenschmerzen ein ständiger Begleiter waren und bis heute sind. Diverse andere Erkrankungen haben sich im Laufe der Jahre dazugesellt. Nichts dramatisches, aber nachhaltig. Die Narben auf meiner Seele heilten ein wenig ab und die Erkenntnis wuchs, daß nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Irgendwann und für mich völlig unbemerkt richtete ich mich in meinem neuen Leben ein....

    Aktuell:

    Heute – 11 Jahre später - vergleiche ich mich mit einem alten Haus: Solide gebaut, an dem der Zahn der Zeit ein wenig nagt. Hier und da sieht man „Flickwerk“, aber das Fundament ist stabil, das Dach noch dicht. Der abblätternde Putz zeugt davon, dass das Gebäude jahrzehntelang allen Stürmen getrotzt hat und nein, es sieht dadurch nicht marode aus, sondern hat seinen ganz eigenen Charme.

    Zukunftsvision:

    Ich wünsche mir, dass ich so bleibe wie ich bin und dass das „alte Gemäuer“ weiterhin gestützt durch Freunde – die im übrigen vor/während meiner Erkrankung bis zum heutigen Tage unverrückbar meine Säulen waren/sind – noch einige Jährchen den Stürmen des Lebens standhält, denn mein heutiges Fazit lautet trotz aller Einschränkungen: „Das Leben ist schön“!

    Anhe
    Dum spiro, spero - Cicero

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Kommentare 12

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    Dinosaurier -

    liebe Anhe -auch ich bin durch Zufall bei Deiner Geschichte gelandet und gratuliere Dir zu Deiner Einstellung. Auch ich habe nach meiner Krebserkrankung im Freundes- ja auch im Verwandenkreis die 'Spreu vom Weizen' getrennt und nur noch Kontakt zu den Menschen, den mir gut tun. Bleib weiterhin so positiv.

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    Kaye -

    Liebe Anhe, ganz zufällig auf deine Geschichte gestossen. Sie hat mich sehr berührt. Du bist eine ganz starke Frau und ich bin froh dich hier kennengelernt zu haben.

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    Savantis -

    Liebe Anhe, ich habe mit offenen Mund Deine Geschichte gelesen. Du bist eine sehr tapfere Frau. Es ist einfach unbeschreiblich wie schnell man beruflich und auch gesellschaftlich angeschrieben wird... danke, dass Du für uns da bist. Liebe Grüsse Maggie

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    Starlight_2013 -

    Ach Anhe, deine Geschichte hat mich sehr berührt! Ich bin sehr glücklich, dass es dir gut geht und ich dich hier "kennenlernen" durfte!

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    Wally-24 -

    Liebe Anhe, gerade durch Zufall Deine Geschichte gefunden und gelesen, es hat mich sehr beeindruckt und ich finde es immer wieder toll, wie du uns anderen betroffenen doch immer wieder neue Hoffnung gibts, mir geht so zu mindest.

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    kradabeg14 -

    auch erst jetzt, der Fehlerteufel grüsst

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    kradabeg14 -

    Liebe Anhe, habe Deine Geschichte auch rest jetzt gelesen und bin beeindruckt!

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    Gina 58 -

    Heute erst mitbekommen, dass deine Geschichte hier steht. Sehr schön geschrieben und ich erkenne Ähnlichkeiten. Wünsche dir, dass du dein Leben noch gaaaanz lange geniessen kannst.

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    Lucia12 -

    liebe Anhe, das Leben ist schön, ja und ich bin sehr berührt wie du schreibst. es macht Mut weiter zu kämpfen und weiter zu gehen. liebe Grüße Inka

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    Ilka Christin -

    Hallo AnHe, tut mir leid, so jetzt noch einmal meine Antwort. Ich habe einfach "Enter" gedrückt und dachte ich erhalte einen Zeilenumbruch. Seit ich endlich richtig als Frau leben kann, kriege ich einige Dinge nicht mehr so hin und das tolle ist, es macht mir nichts mehr aus. Deine Geschichte hat mich sehr gerührt und auch dein Vergleich mit einem Haus. "Das Leben ist schön" ist auch eines meiner Mottos. Eines habe ich auch gelernt. Das alte Leben kann man nicht mehr zurückbekommen, aber man kann ein Neues erhalten. In diesem Sinne, alles alles Gute. Schön, dass es dich gibt. Liebe Grüße Ilka