Seminom pt1 - Meine Geschichte

    Seminom pt1 - Meine Geschichte

    Hallo zusammen,

    erstmal möchte ich mich bei allen Bedanken, die hier ständig konstruktiv
    mit Rat und Tat zur Seite stehen und vor Allem die Gratwanderung
    zwischen Wissen und Halbwissen gut meistern.

    Mich selbst hat es im März 2012 mit der Diagnose Hodenkrebs erwischt.
    Wie vermutlich für jeden, war diese Diagnose für mich ein Schock und ich
    war verzweifelt.

    Kurz zu mir – Ich bin 27 eigentlich relativ sportlich, Nichtraucher, trinke keinen Alkohol und nehme auch keine Drogen.

    Da mir einige Posts in diesem Forum echt Mut gemacht haben und mir
    als eine gewisse Entscheidungsvorlage dienten, möchte ich mich gerne mit
    meiner Story bedanken. Ich versuche möglichst ausführlich alle
    Schritte meiner Behandlung sowie vor Allem welche Gedanken ich hatte und
    warum ich welche Entscheidungen getroffen habe zu beschreiben.
    Besonders bedanken möchte ich mich bei Bruce dessen Beitrag mir wahnsinnige Stärke geschenkt hat.

    Ich hoffe es hilft euch allen, mindestens genauso wie es mir half!
    Selbstverständlich stehe ich euch gerne für Fragen per PM zur Verfügung.

    Aber nun von vorne

    1. Wie habe ich es bemerkt?

    Es war ein ganz normaler Mittwochabend, eigentlich so wie es jeder
    Mittwoch war. Ich kam relativ spät von der Arbeit nach Hause, habe
    zusammen mit meiner Freundin in Ruhe etwas gegessen und anschließend
    entspannend auf die Couch gelegt. Wie das Männer nun mal so machen
    und jeder der männlichen Leser wird schmunzeln, die erste Bewegung ist
    es die Hand an die Königsperlen zu legen. Leider war das dieses Mal
    nicht so entspannend wie geplant, absolut nicht, denn dieses Mal spürte
    ich etwas was da zuvor nicht war. Ich spürte einen deutlich
    angeschwollenen linken Hoden der sich zum Einen sehr fest und etwas
    deformiert anfühlte. Ich war natürlich erschrocken und Frage sofort
    meine Freundin, ob sie mir das noch mal bestätigen könnte - das konnte
    sie leider.

    Nun war für mich klar - auf zum Urologen und checken lassen was da nicht stimmt.

    2. Der Besuch beim Urologen - Die Schockdiagnose

    Bereits 2 Tage nach dem komischen Fund hatte ich bereits am Freitag den
    Termin beim Facharzt. Ich legte mich also auf die Liege bereit für den
    Ultraschall und zu erfahren was mich da so erschrocken hatte. Der Arzt
    sagte erstmal gar nichts, aber ich sah es bereits an seinem Gesicht,
    dass etwas nicht stimmt. Arzt: " Ich sag es Ihnen ganz ehrlich und will
    auch gar nicht um den heißen Brei reden, aber da ist was und das muss
    raus und dass idealerweise schnell. Ich schreibe Ihnen jetzt eine
    Überweisung in ein Klinikum und dort holen Sie sich bitte noch eine
    zweite Meinung. Des Weiteren werden wir Ihnen jetzt noch schnell Blut
    abnehmen um die Tumormarker zu bestimmen"

    Ich war baff! Tumormarker?! Krebs?! ICH?!?!?!

    Meine ersten Gedanken waren:

    Wie geht es weiter? Wie wirst du jetzt sterben?

    3. Die zweite Meinung des Klinikums, sowie CT und die nächsten Schritte

    Direkt nach dem Urologen bin ich dann in das in meiner Stadt beste Klinikum für eine zweite Meinung gefahren. Gott
    sei Dank, hatte mich meine Freundin bei allen Untersuchungen begleitet,
    so hatte ich immer eine stützende Hand und Schulter bei mir die mir
    Kraft gab.

    Hier hatte ich das große Glück, trotz meiner gesetzlichen
    Krankenversicherung, von einem Oberarzt untersucht zu werden. Dieser
    bestätigte allerdings den ersten Verdacht des Kollegen und somit war es
    sicher. Was er mir aber sofort sagte und das gab mir großen Mut: "Ich
    kann Ihnen eines mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen.
    Wir werden das Heilen können und sie werden daran nicht sterben! Sie
    sind ein junger Mann und sicherlich ist das gerade nicht geplant und
    auch schlecht, aber das schießt jetzt vielleicht quer aber das ist nur
    eine Frage der Zeit.

    Meine Gedanken in diesen Moment:

    Ist es gut oder bösartig? Was kommt jetzt alles auf mich zu? Chemo?!

    Der Arzt konnte mir nahezu alle Fragen die mir in diesem Moment durch
    den Kopf gingen beantworten. Er teilte mir mit das davon auszugehen ist,
    dass es sich bei dem Tumor wie in gut 80% aller Fällen um einen
    bösartigen Tumor handelt. Des Weiteren informierte er mich über die
    Möglichkeiten diesen zu behandeln und vor Allem die entsprechende
    Nachsorge. Das es eben die Wait and See Strategie aber natürlich, in
    Abhängigkeit der Tumorart, auch eine Chemotherapie werden kann. Der
    nette Oberarzt blockierte direkt für mich am selben Tag noch den CT und
    warf auch für mich noch den Montag OP Plan um. Bevor es ins CT ging nahm
    er mir noch mal 5 Ampullen Blut für die Tumormarker und anschließend
    ging es für mich ab ins CT - warten warten warten - das CT an sich ging
    dann auch sehr schnell und ich konnte dann auch direkt nach Hause.

    Für mich war es sehr sehr wichtig, mein Leben in den nächsten Tagen,
    also am kommenden Wochenende, nicht von der Krankheit diktieren zu
    lassen. So habe ich das Wochenende exakt so durchgezogen, wie ich es
    auch geplant hatte.

    Meine Gedanken an diesem Wochenende:

    Wie wird die OP verlaufen? Ich hatte kurz gesagt wahnsinnige Angst. Hatte der Tumor gestreut? Chemo??

    Diese Angst konnte mir großteils meine straffe Wochenendplanung nehmen, so dass ich das in keiner Sekunde bereut habe.
    3. Der Tag der OP und der Krankenhausaufenthalt

    Morgens 6.30 Uhr musste ich im KH sein und einige unspektakuläre
    Voruntersuchungen. 11.30 Uhr ging es ab in de OP. Ich habe mich hier zu
    jederzeit sehr sehr wohl und gut betreut gefühlt. Um kurz nach drei war
    ich auch schon wieder wach und hatte auch schon direkt besuch. Im Großen
    und Ganzen an der Eingriff unter Vollnarkose ca. 30 Minuten gedauert
    und war nur wenig schmerzhaft. In diesem Eingriff wurden mir der linke
    Hoden sowie der dazugehörige Samenstrang komplett entfernt. Kurz nach
    17.00 Uhr konnte ich auch schon wieder ein wenig laufen und selbständig
    auf die Toilette etc. gehen.

    Nun stand am nächsten Tag die langersehnte Visite mit dem ersten Befund
    des Schnellschnittes des Tumors sowie die Besprechung des CT Befundes
    an.

    Der Oberarzt kam selbst und teilte mir mit, dass der Eingriff sehr gut
    verlaufen ist und sie im Schnellschnitt ein relativ großes Stück des
    Tumors untersucht haben. Als Ergebnis dieser ersten Untersuchung kam
    heraus, dass es sich um ein Seminom handelt (ich war mehr als
    erleichtert). Des Weiteren war auch der CT Befund unauffällig und es
    waren keine Metastasen oder suspekte Beherdungen erkennbar (erstmal
    durchatmen) das einzige was dort stand, ist dass ein Lymphknoten bis auf
    1,5 cm erweitert ist (1,0 cm ist normal). Der Oberarzt nahm mir direkt
    den ersten Schock und sagte, dass den Befund ein sehr vorsichtiger
    Kollege erstellt hat und dass gar nichts zu bedeuten hat. Zu mal die
    Lymphknoten natürlich auf Fremdkörper reagieren und Antikörper bilden
    und dadurch auch schon mal größer werden können. Laut seiner Aussage
    müsste man sich so ab 2,0 cm, also die doppelte Größe als normal,
    Gedanken machen. Der Befund meiner Tumormarker war auch unauffällig.

    Nach nicht ganz drei Tagen Aufenthalt, also am Mittwoch wurde ich auch schon wieder entlassen.

    4. Die Tage zu Hause und die Zeit bis zum histologischen Befund

    Nachdem ich endlich wieder zu Hause war, wurde mir erstmals bewusst wie
    viel Glück ich hatte, es so rechtzeitig erkannt zu haben. Nun begann das
    Warten auf den histologischen Befund, den Richtungsweiser für das
    weitere Vorgehen. Nach gut 8 Tagen bekam ich dann meinen Befund. Ich war
    unglaublich nervös.

    Das Ergebnis:

    Reines Seminom Größe bis 5 Zentimeter:

    R0 und keine Invasion in Lymph- oder Blutgefäße

    Ich war unglaublich glücklich in diesem Moment und habe erstmal eine Flasche Sekt aufgemacht.

    Meine Gedanken in dieser Zeit:

    Was ist denn nun mit dem, laut des CTs, erweiterten Lymphknoten? Wie
    geht das alles weiter? Werde ich mit einem blauen Auge davon kommen?

    5. Die Entscheidung Wait-und See oder Chemo 1x1 Std. Carboplatin Single Shot?!

    Ich habe mich natürlich meinem Gespräch mit dem Urologen/ Onkologen
    ausgiebig darüber informieren lassen, was denn wohl das sinnvollste ist.

    Laut der Aussage meines Arztes besteht bei meiner Art von Tumor und
    dessen Größe ein Rezidivrisiko von 17%. Sicherlich klingt 17% erstmal
    nicht viel, aber wenn man sich dass dann mal vor Augen führt ist es
    immerhin jeder Fünfte. Sicherlich würde man aufgrund der Wait- and See
    und der engmaschigen Kontrolle ein erneutes Auftreten rechtzeitig
    erkennen, aber das alles noch mal mitmachen? Und was ist denn jetzt
    eigentlich mit den Lymphknoten?

    Also habe ich mich noch mal schlau gemacht und einen weiteren Radiologen
    kontaktiert. Dieser war auch so freundlich und hat sich die CT Bilder
    noch mal, ohne zu wissen was ich eigentlich habe, angeschaut. Das war
    mir wichtig, nicht das er in irgendeiner Weise „vorbelastet“ an die
    Sache ran geht. Nachdem er mir mitteilte, dass er, neben dem Tumor,
    nichts absolut nichts Auffälliges sieht, habe ich Ihn direkt auf
    erweiterte Lymphknoten angesprochen. Erneut hat er sich die Zeit
    genommen und noch mal bewusst nach den Lymphknoten geschaut. Gott sei
    Dank – wieder nichts! So jetzt hatte ich eine 1:1 Situation. Was nun?

    Ich habe dann erneut den Oberarzt angerufen, der mich untersucht und
    auch operiert hatte. Er teilte mir mit, dass es für die Entscheidung
    Chemo oder nicht kein „Richtig oder Falsch“ gibt. Sicherlich ist aus
    rein medizinischer Sicht keine Chemo notwendig, aber die Frage nach der
    psychischen Belastung, wenn es mal irgendwo kneift ist nicht zu
    unterschätzen. Er sagte mir auch, wenn er mir einen persönlichen Rat
    geben darf, dann würde er mir für die sichere Variante- der Chemo –
    raten.

    Ich wollte es aber auch noch mal genau wissen, auch die Sache mit den
    Lymphknoten, hatte mich trotz der zweiten Meinung nicht los gelassen.
    Also habe ich nochmals einen weiteren Onkologen aufgesucht und Ihn um
    seinen Rat gebeten. Erstmal war er super einfühlsam und hat sich richtig
    viel Zeit für mich genommen. Ich habe Ihm dann von der Sache mit den
    Lymphknoten erzählt. Er meinte ich schau mir das jetzt auf dem
    Ultraschall an, denn 1,5 cm Lymphknoten finde ich bei Ihrem Körperbau
    ganz sicher. Also, ging es los, hingelegt auf die Liege und er hat dann
    geschlagen 10 Minuten in aller Ruhe mit dem Ultraschall meinen Bauchraum
    durchsucht. Während der Untersuchung sagt er dann zu mir: „ Schauen sie
    doch mal her. Hier sehen Sie Ihre Aorta die ist 2 cm dick und jetzt
    suchen wir einen Knoten der 75% davon sein soll. Sehen sie hier
    irgendetwas?“ Ich konnte glücklicherweise mit einem klaren: „Nein“
    antworten. Er erwiderte: „Sehen Sie! Ich nämlich auch nicht!“ Ich glaube
    man hat in diesem Moment deutlich gehört, wie mir ein riesiger Brocken
    vom Herzen gefallen ist.

    Anschließend hat er mich dann noch in aller Ruhe über die Vor-und
    Nachteile der Chemo mit Carboplatin aufgeklärt und vor Allem was
    passiert, wenn ich mich gegen eine Chemo entscheiden sollte und dann ein
    Rezidiv auftritt. Das fand ich dann nämlich nicht mehr so Lustig. Auf
    dem Plan würde dann eine Kombichemotherapie 3 Zyklen PEB stehen und
    davon hat er mir absolut abgeraten. Was mich dann aber zu 100% davon
    überzeugt hat mich für die Chemo zu entscheiden war sein Satz: „Wenn Sie
    mein Sohn wären, dann würde ich Ihn auch mit Carboplatin behandeln. Sie
    werden vermutlich nicht einmal wirklich was spüren davon!“

    6. Mein Chemotagebuch

    Nach den üblichen Voruntersuchungen wie dem 24 Stunden Urintest um die
    Kreatinin Clearance zu ermitteln sowie 2 Blutabnahmen ging es dann
    gestern los.

    1x Chemo bitte. Ich kam „relativ“ entspannt in die Praxis und wurde dann
    direkt an 1000 ml NaCl gehängt. Dazu gab es einen Cocktail aus
    Dexamethason, Omeprazol und Ondansetron (Kortison gegen Allergien, Etwas
    gegen Übelkeit und eines um die Magensäure zu kontrollieren).
    Anschließen kam meine Cocktail 1200 mg Carboplatin in 500 ml NaCl
    innerhalb einer Stunde in die Venen. Danach zum Nachspülen 500 ml NaCl.
    Die ganze Sache hat nicht länger als 3 Stunden gedauert. Den ganzen
    restlichen Tag ging es mir echt super! Ich konnte normal essen, hatte
    keine Übelkeit und keine Mangelerscheinungen.

    Auch heute, dem zweiten Tag, geht es mir noch wirklich richtig gut! Und
    ich hoffe, dass sich das Gefühl in den nächsten Tagen auch nicht ändern
    wird!

    Alles in Allem war es die richtige Entscheidung das mit der Chemo zu
    tun! Somit ist das Kapitel Krebs für mich hier abgeschlossen!

    Ich kann euch wirklich nur raten, niemals aufzugeben immer positiv zu
    denken – egal! Wie dunkel es in diesem Moment zu sein scheint!! Ihr
    schafft das!!!

    7. Literatur die mich während der Zeit gut aufgeklärt und unterstützt hat

    Informationsbroschüre der Krebsliga in der Schweiz

    assets.krebsliga.ch/downloads/1504.pdf

    Zweitmeinung der Uniklinik in Ulm

    zm-hodentumor.de/

    Danke für das Lesen ich hoffe ich konnte euch helfen und euch
    zeigen, dass es machbar ist!!!!! Zögert nicht, mich anzuschreiben wenn
    ihr möchtet!

    Gruß

    Stefan
    Hallo Pitchcontroller,

    sei recht herzlich willkommen im KIZ und ganz lieben Dank für Deine "Geschichte".
    Schön, dass Du alles so gut durchgestanden hast !!!
    „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ #Albert Einstein