Krebs und zwischenmenschlicher Umgang

    Krebs und zwischenmenschlicher Umgang

    Hallo liebe Forengemeinde,

    ich wende mich an euch mit einem etwas schwierigen Thema... Ich weiß einfach manchmal nicht, wie ich mit dem Verhalten meines Freundes umgehen soll, immer wieder kommt es zu ungerechten Anschuldigungen, verbal aggressivem Verhalten mir gegenüber... Wenn das passiert, kann ich mich kaum äußern, sofort wird mir über den Mund gefahren... Dies ist jetzt schon des Öfteren passiert, zunächst mit Anschuldigungen und Unterstellungen ich würde mit anderen Männern was anfangen früher oder später... das wurde mir auch per SMS vorgeworfen, ich würde ihn nicht lieben (obwohl ich mich echt mehr um meinen Freund gekümmert habe als ich müsste, sagen viele; ich kenne ihn ja noch nicht so lange und zusammen sind wir seit einem Monat vor Diagnosestellung...; habe ihm Sachen besorgt im Krankenhaus, mich um Post gekümmert, für ihn eingekauft; er hat das nicht mal bezahlt; bin hin und her gefahren mit der Bahn, habe stundenlang mit ihm telefoniert und hatte Megarechnung etc) Ich habe das alles gerne gemacht, weil ich ihn sehr mag, habe ihm dann aber auch mal geschrieben, dass mich die Unterstellungen auffressen und mir Kraft rauben, da hörte das auf, aber jetzt vergleicht er mich mit seinen Kollegen, die ihn gemobbt haben auf der Arbeit, weil ich einer ähnlichen Berufsgruppe angehöre etc...

    Der letzte verbale Angriff war am WE:
    Ich habe mir ein Auto geliehen und wollte ihm einen schönen tag machen bei schönem Wetter raus zum See fahren, damit er mal was anderes sieht außer KH und Wohnung... und habe mich echt gefreut ihn Freitag zu sehen... Da sagte er auch, dass er sich freut aber Samstag morgen war er wieder nur über mich am meckern ich würde ihn nerven... Dann wirft er mir weiter vor, wenn ich in seiner Situation wäre, dann wollte er mich mal sehen, ich wäre ja jetzt schon wie ein kleines Kind, was wollte ich dann erst machen... Ich sagte ich weiß nicht wie ich reagieren würde wenn ich in seiner Situation wäre aber ich kann auch für seine Situation nicht dafür! Dann macht er mich nach, wie verpeilt ist bin... etc... Ich habe ihm gesagt wenn ich ihn nur nerve, muss ich eben wieder nach hause fahren... Er hat mich nicht aufgehalten meinte er müsste runter kommen... habe gefragt ob es lohnt wenn ich ins cafe gehe und wir danach reden, er wollte das nicht! Auslöser war diesmal, dass ich eine Schranktür offen gelassen habe, nachdem ich den Tisch gedeckt hatte ... und zuvor war schon mal der Auslöser, dass ich mir mit warmen Wasser die Hände gewaschen habe... das kann doch nicht wahr sein...

    Schlussendlich bin ich dann nach Hause gefahren, war auch fix und alle, und hatte das Gefühl ich muss jetzt weg hier und wusste auch nicht mehr was ich anderes hätte tun können und grundsätzlich weiß ich nicht mehr wie ich mit ihm umgehen soll... Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört...

    Eine Dame in der Selbsthilfegruppe sagte, bei ihrem Mann war es genauso und ich habe jetzt schon vielfach gelesen, dass das Verhalten zur Krankheitsbewältigung dazu gehört... und das man das nicht persönlich nehmen soll... deshalb habe ich das bisher geschluckt, bin drüber weg gegangen, oft merkte man auch später an seinem Verhalten dass es ihm leid zu tun schien... aber ich kann das psychisch einfach nicht mehr gut aushalten und schlucken und weiß nicht wie ich mit ihm weiter umgehen soll... soll ich ihn in Ruhe lassen, ihn sich melden lassen oder weiter auf ihn zugehen? Er sagt ich wollte nur über Krankheiten reden, dabei komme ich kaum zu Wort höre ihm zu was er gemacht hat und wie die Untersuchungen gelaufen sind und wie er sich fühlt...

    Vielleicht geht es jemandem hier genauso und hat Tipps für mich... Ist das Verhalten wirklich normal??? kommt das von den Medikamenten Cortison oder so?? Er ist meistens morgens so... und die Hirnmetas waren hinten rechts und nicht vorne... Wie geht ihr mit sowas um... Ich weiß echt nicht mehr weiter... Ich habe ihn ganz anders kennengelernt und dass seine Situation keine Einfache ist weiß ich auch und kann ich verstehen, aber aushalten ist schwierig... ;( ;( ;(

    Danke!

    Liebe Grüße

    Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „LadyAngel“ ()

    Liebe Lady Angel,

    sicher ist das für deinen Freund schwierig. Und sicher ist es "normal", dass Erkrankte manchmal ungerecht sind und nicht immer beherrscht und auf sich selbst fokussiert und deshalb egoistischer erscheinend u.s.w.

    Aber bedenke, dass Du nicht mit einer Krankheit zusammen bist, sondern mit Deinem Freund. Und der sollte schon auch ein paar liebenswerte Eigenschaften haben ;). Ziemlich viele sogar.

    Weißt Du, man muss sich nicht alles bieten oder gefallen lassen. Ganz unabhängig davon, ob das Verhalten für einen Erkrankten normal ist, ist es nämlich für einen Dich liebenden Partner nicht normal. Und da hilft kein noch so verständnisvolles Dich anbieten, sondern ein ganz klares: "Das geht so nicht". Du musst Dir nicht Alles gefallen lassen, weil er krank ist. Du kannst mal 2 Augen zudrücken.. na klar. Aber sei versichert, dass Du Deine Hände weiter mit warmen Wasser waschen darfst und Deinen Freund auch mal gehörig Deine Meinung dazu sagen darfst.
    Du bist schließlich nicht seine private Pflegekraft, sondern seine Freundin. Setze ein paar Grenzen und frage mal nicht danach, was ihm jetzt gut tun würde (Abstand oder nicht etc), sondern was für Dich jetzt gut wäre.

    Liebe Grüße
    Mayana
    Liebe Lady Angel,
    nachdem du deinen Freund ja noch nicht lange kennst, kannst du ja eigentich gar nicht wissen, ob er nicht tatsächlich auch so wäre, wen er nicht krank wäre, oder?
    Natürlch verändert man sich, ich spreche aus eigener Erfahrung. Manchmal findet man alles zum Kotzen und würde gerne auf jeden eintreten, der gesund ist. Man ist dann einfach furchtbar ungerecht den anderen gegenüber. Auch ich habe Momente, wo ich meine Familie ungerechterweise angehe, manchmal ziemlich heftig reagiere und sauer bin. Aber das sind seltene Augenblicke, denn sie wollen mir ja nur helfen und ich entschuldige mich meist ziemlich schnell.
    Obs an den Medikamenten liegt, kann ich nicht sagen, aber ich denke, dass die ganzen Giftcocktails und das Cortison nicht nur den Körper schädigen, sondern auch den Geist. Ich hoffe, dass es wieder besser wird bei euch, sonst musst du die Konsequenzen ziehen.
    Liebe Grüße
    Andrea
    Danke erstmal schon mal für eure wirklich ehrlichen Meinungen liebe @Mayana und liebe @Anderl, vor allem auch für deine Ehrlichkeit @Anderl


    Ich weiß ja auch, dass es für meinen Freund keine einfache Situation ist und ob er nicht auch so geworden wäre wenn er nicht krank geworden wäre, darüber denke ich auch oft nach...
    Im Entschuldigen ist er nicht gut, zeigt es dann eher anders... einmal haben wir uns gestritten wegen des warmen Wassers, da bin ich ins Cafe gegangen und für ein paar Stunden verschwunden... er hatte mir dann ein Eis mitgebracht und wirkte auch sehr traurig...
    Bei dem letzten Streit hat er sich nicht entschuldigt, ich hatte ihn angerufen, weil ich seinen Arzt nicht erreicht hatte, sollte für ihn dort was abgeben und der hatte zu, anschließend rief er mich später an und fragte ob ich gut nach Hause gekommen bin.. aber jetzt sprach er den letzten Streit wieder an, machte mich nach wie verpeilt ich doch wäre... Ich hatte es auf meiner letzten Arbeitsstelle auch nicht leicht, auch nicht mit Leuten meiner Berufsgruppe aber er sagte dann, wenn ich dein Kollege wäre, dann würde ich mit dir auch die Krise bekommen, weil ich so verpeilt bin, das tat richtig weh und darauf spielte er jetzt wieder an, Sagte ich brauche nicht reden, das Gequatsche von den ... hatte er 15 Jahre und das braucht er nicht mehr (also habe ich keine Chance etwas gegen zu argumentieren...) also unterbrach ich das indem ich sagte, wenn ich dich nerve muss ich eben wieder nach Hause fahren... ich glaube damit hatte er nicht gerechnet, hatte aber auch reichlich Zeit mich aufzuhalten, weil ich noch meine Sachen packen musste und ich habe ihm sogar noch das mit dem Cafe angeboten... aber einfach so bleiben und das schlucken wollte ich nicht... ich sagte auch wenn er bereit ist zu reden und ich auch was sagen kann, dann soll er sich melden... bisher kam nichts... aber ich denke dann @Mayana das war dann richtig das so zu machen... Er sagte ich würde ihm drohen, wenn ich sage ich fahre ich sagte das wäre eine natürliche Konsequenz ich will ihn ja nicht nerven...

    ... und wenn ich dann mal so konsequent bin wie am WE und dann wirklich fahre habe ich ein schlechtes Gewissen, er meint er braucht Ruhe und keinen Stress und mit den Streits hat er Stress... aber ich habe den Stress ja nicht angefangen... und wenn er nur durch meine Anwesenheit Stress hat, dann fühle ich mich so fehl am Platz und denke dann komme ich lieber nicht...

    Andererseits erzählt er auch viel, was die OP mit ihm gemacht hat, und die Chemo und Bestrahlung.. er hat Schwierigkeiten mit dem Sehen und Hören und auch mit dem Gedächtnis und der Orientierung und fühlt sich schlapp und er war ein sehr fitter Mann...! von außen merkt man es ihm (noch) nicht an ...

    Als wir uns kennen gelernt haben war er so lieb und ruhig und immer drauf bedacht, dass es mir gut geht, sogar noch als er im Krankenhaus war...
    Auch wenn das mit uns nicht weiter klappt würde ich ihn ja als eine Freundin weiter beiseite stehen... aber jetzt habe ich erstmal das Bedürfnis zu warten bis von ihm was kommt, was mir allerdings schwer fällt... ich weiß morgen hat er Kontrolluntersuchung und dann geht es Donnerstag wieder zur Chemo... aber Anrufe zu fragen wie es ihm geht empfindet er ja häufig auch als lästig, sagt Kumpel xy hat wieder seinen täglichen Kontrollanruf gemacht und mir sagt er ich wollte nur über Krankheiten sprechen...

    aber ich brauche irgendwie grad auch Abstand und Zeit was für mich zu tun.... ohne schlechtes Gewissen!!!

    Liebe Grüße

    Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von „LadyAngel“ ()

    Liebe Lady Angel,

    überlege doch mal, ob es sich in der nächsten vergleichbaren Situation nicht besser anfühlen würde, wenn Du fahren würdest, nicht, weil Du ihn offensichtlich nervst, sondern weil er Dich gerade nervt, und Du ihm das genau so auch sagst. Grenzen setzen und wahren.. und zwar nicht seine (das kann er selbst), sondern Deine eigenen..

    Was ich mich aber mal abgesehen davon wirklich frage, ist, ob jemand, der so schwer krank ist, tatsächlich in der Lage dazu ist, partnerschaftliche Bedürfnisse zu erfüllen. Das würde ich ihn fragen, ob er sich mit Deinen (berechtigten!) Ansprüchen an eine harmonische Beziehung momentan nicht heillos überfordert fühlt. Und ob es nicht besser wäre, das Beziehungs-Thema erst mal außen vor zu lassen. Ob das nicht vielleicht sogar eine Entlastung für Euch Beide wäre..

    Wo ich ihn verstehe, ist der Punkt, dass er mit Dir nicht ungefragt über seine Krankheit sprechen möchte. Also, solltest Du ihn in nächster Zeit anrufen, wäre es vielleicht besser, wenn Du nicht fragst, wie es ihm geht. Sondern vielleicht, ob er Lust auf einen gemeinsamen Couch-Abend hat oder was er am Tag so erlebt hat oder ob Du bei ihm nicht ein neues Koch-Rezept ausprobieren kannst, was Du gerade entdeckt hast oder was er gerade so macht etc. Also das, was man in einer Partnerschaft so normalerweise fragt. Das ist auch ein klares, aber sehr nettes Abgrenzen Deinerseits gegen die besorgte Krankenschwester- und Zubringer-Rolle. Täte Euch Beiden vielleicht ganz gut.

    Und wenn er auch das ablehnt, sei nicht gekränkt und akzeptiere das, dass er gerade für sich sein will. Dann brauchst du aber andererseits auch kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn Du dann etwas alleine tust, was Du gerne möchtest.

    Und wenn Du gerade ein wenig Zeit brauchst, dann nimm sie Dir doch. Wenn er das Bedürfnis nach Nähe hat, wird er sich schon melden. Du musst nicht für ihn denken, nicht für ihn handeln, nichts für ihn ausgleichen etc. Er ist krank-aber kein Kleinkind und weiß schon selbst, was für ihn gerade richtig ist. Traue ihm das zu. Und wahre andererseits Deine eigenen Grenzen.

    Ich drücke Euch die Daumen

    Liebe Grüße
    Mayana
    Liebe LadyAngel, Liebe Mayana, Liebe Anderl

    es ist für uns Angehörige schwer immer das rechte Maß zu finden. Noch schwerer ist es für ein Paar welches sich erst kürzlich gefunden hat. Ich stimme da völlig Anderl zu. Vielleicht kommen jetzt, ausgelöst durch den Stress der Krankheit, Eigenschaften zutage die er sonst länger unterdrückt hätte. Ich weiß wovon ich rede, bin 27 Jahre verheiratet :love: . Am Anfang durch die rosarote Brille hätte ich mir einige Dinge auch nie träumen lassen.

    Ich weiß nicht was ich dir raten kann liebe L.A. ich merke ja bei meinem Mann wie empfindsam die Kranken sind. Es ist ein ständiges Abtasten, ist jetzt dies oder jenes richtig. Bei einer Fernbeziehung wie bei euch kommen noch andere Aspekte hinzu, bei denen Missverständnisse vorprogrammiert sind. Vielleicht musst du für dich einen Weg finden und überlegen ob du das aushalten kannst/willst? Wenn du dich durch sein Verhalten ständig schlecht behandelt fühlst, dann ...tja, wie sag ichs meinem Kinde? ....

    Ich wünsche euch, dass alles bald wieder ins Lot kommt, ihr über alles reden könnt und einen guten Weg für BEIDE findet.

    <3 lich grüßt

    BerliNette
    Wenn du es nicht ändern kannst, musst du damit leben
    "Brokeback Mountain"