12 Jahre nach der Brustkrebs-Diagnose - Dankbarkeit & Angst

    12 Jahre nach der Brustkrebs-Diagnose - Dankbarkeit & Angst

    Hallo an alle,
    seit 2005 bin ich in dem "anderen" Forum sehr aktiv gewesen, angemeldet habe ich mich weil meine Mama 2004 die Diagnose Brustkrebs bekam. In der akuten Zeit habe ich viel Unterstützung erfahren, der Austausch mit anderen Angehörigen hat mir sehr geholfen. Ich hatte Auf´s und Ab´s und auch vor allem viel Dankbarkeit dafür, dass es Mama nach einiger Zeit wieder so gut ging. Damit hätte niemand gerechnet. Ich hab in der ganzen zurückliegenden Zeit Phasen gehabt, in denen ich weniger an den Krebs gedacht habe aber auch Zeiten (zB bei jeder Nachsorge) in denen er und die Zeit damals wieder sehr präsent für mich waren. Als meine Mama damals die Diagnose bekam war ich 16 und mit einem Schlag änderte sich alles und nichts war mehr wie es mal war. Ich bin unendlich dankbar, dass es Mama momentan gut geht und ich versuche seit Abschluss der Behandlungen dem Krebs nicht so viel Raum zu geben. Und trotz meiner großen Dankbarkeit und dem Bewusstsein wie viel Glück wir haben dürfen, schaffe ich es nicht immer gut klar zu kommen, wofür ich mich dann auch wieder schlecht fühle und schäme. Im anderen Forum wurde mir nahegelegt nicht mehr darüber , über meine Gefühle, zu schreiben, da es jetzt ja schon lange her sei und ich zufrieden sein soll wie es ist. Und das bin ich. Aber, trotzdem schwebt immer mal wieder das Damoklesschwert Krebs über mir. Auch nach so langer Zeit geht mein Kopfkino los, wenn Mama häufig hustet oder über Rückenschmerzen klagt. Und dann bekomme ich Angst und keine Luft mehr. Ich weiß nicht ob mein Beitrag hier erwünscht ist, aber ich hoffe es.Vielleicht kann er ja auch Mut machen, dass eine schlechte Prognose seitens der Ärzte einfach nicht immer stimmen muss.
    Die Diagnose Krebs verändert alles, verändert die Menschen, man lernt sein Umfeld besser kennen und lernt für die kleinen Dinge dankbar zu sein und vorallem auch die kleinen Dinge zu sehen. Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu meiner Mutter, sie ist meine Bezugsperson, der einzige Mensch der mich bedigungslos liebt. Vielleicht wäre es einfacher, wenn ich ein "eigenes" Leben hätte, vielleicht wäre es "einfacher" wenn ich nicht vom Fach wäre aber vielleicht auch nicht. Manchmal habe ich einfach, auch nach so langer Zeit, dass Bedürfnis mich auszutauschen oder meine Ängste sagen zu dürfen.

    Hier eine kurze Zusammenfassung unserer Geschichte.

    2003 - Diagnose Guillain-Barré-Syndrom

    2004 - Diagnose Brustkrebs - yT3 pN1a G3 MO ER+PR+Her2neu3+ ( & Befall von 3 Lymphknoten)

    - neoadjuvante Chemo (5 Zyklen TAC) Chemo ,OP mit Ablatio u. Axillar und Bestrahlung wurde sie mit Arimidex eingestellt.

    Nach 2 1/2 Jahren nach der Diagnose bekam sie alle drei Wochen eine Infusion mit Trastuzumab (Herceptin)

    Nach 6 Jahrem Arimidex, nahm sie noch 3 weitere Jahre Tamoxifen. Unter Tamoxifen mehrmals Ausschabungen gehabt, so dass auch diese dann weggelassen wurden, zumal es verschiedene Aussagen von Ärzten gab, wie lange Arimidex oder Tamoxifen genommen werden soll/kann.


    Liebe Grüße
    Malou

    Malou schrieb:

    Im anderen Forum wurde mir nahegelegt nicht mehr darüber , über meine Gefühle, zu schreiben, da es jetzt ja schon lange her sei und ich zufrieden sein soll wie es ist.


    Liebe Malou,

    o.g. Äußerung finde ich ganz ganz schrecklich. Trauer oder Angst kann man nicht an einem Zeitfaktor festmachen und sagen "Nun ist es aber genug". Es wird immer Zeiten geben, in denen man unbeschwerter lebt und an anderen Tagen überfällt das Erlebte wie ein Monster. Ich finde das völlig normal, es sei denn, es würden sich aus diesen Angstzuständen ernstzunehmende gesundheitliche Probleme ergeben. Das ist offensichtlich bei Dir nicht der Fall.

    Also, hier im Krebs-Infozentrum darfst und sollst Du ganz unbefangen über Deine Gefühle schreiben und ich bin mir sehr sicher, daß Du auch hilfreiche Unterstützung hast.

    Viele Grüße
    Anhe

    P.S. Den Titel Deines Threads habe ich geringfügig geändert und hoffe, es ist ok für Dich. Falls nicht, sage mir bitte Bescheid
    Dum spiro, spero - Cicero
    Liebe Anhe,
    danke für deine liebe Antwort . Ich bin froh wieder einen kleinen Platz gefunden zu haben wo ich meine Gedanken und Ängste rauslassen kann.
    Als meine Mutter damals erkrankte, war ich 16 und mein Bruder 14. Mein Vater kam damit überhaupt nicht klar und trank zu dieser Zeit viel Alkohol und mein Bruder schloss sich in seinem Zimmer ein. Plötzlich war ich diejenige die zu Hause alles regeln musste und so war ich mit meiner Sorge um Mama ziemlich alleine. Inzwischen gibt es viel mehr Angebote für Kinder von Angehörigen, worüber ich sehr froh bin, damals war das nicht so und ich glaube, dass ich mich teilweise erst jetzt damit auseinander setze.
    Liebe Malou,
    toll, dass es Deine Mutter so gut geht! Das macht uns anderen Betroffenen hier Mut. Schon allein deshalb finde ich es gut, dass Du hier schreibst. Mach das gerne weiter, da gebe ich ANHE vollkommen Recht! Meine Eltern waren auch seit ich sehr jung war ständig abwechselnd krank. Mein Vater starb, als ich ihn noch sehr gebraucht hätte und ich vermisse ihn nach über 25 Jahren immer noch. Meine Mutter ist verstorben und auch meine Schwester starb 2008. Manchmal denke ich: wer ist als nächstes dran? Leider war ich als Kind und Jugendliche mit meinen Ängsten allein. Ich habe sogar angefangen mich für die Krankheit meiner Eltern verantwortlich zu fühlen, wenn ich nicht "parierte". Ein Lehrer sprach meine Eltern darauf an dass ich Hilfe bräuchte, die hatten dafür aber "keinen Kopf", waren mit sich beschäftigt. Hilfe hätte mir sicher gut getan. Hast du die Möglichkeit mit jemandem professionell über Deine Angst zu sprechen? Du wirst sie sicher nicht ganz los, aber kannst vielleicht Ressourcen ausgraben, die Dir helfen sie zu mildern und damit umzugehen.
    Vielleicht gibt es ja die Möglichkeit mit einer Psychoonkologin zu sprechen? Du könntest im Brustzentrum danach fragen. Die sind auch für Angehörige da. Weiß Deine Mutter von Deine Angst? sprecht Ihr darüber offen? Versucht sie dir die Angst zu nehmen? Vielleicht gibt es auch bei der Frauenselbsthilfe nach Krebs ein paar Angehörige, die das gleiche erleben?
    Ich finde wichtig, dass Du lernst der Angst etwas entgegen zu setzen und unabhängig wirst, damit Du Dein Leben leben und genießen kannst.
    Alles liebe für Dich
    Resi
    Liebe Malou,

    auch wenn ich aus einer anderen Krebsart hier mal reinschneie, so möchte auch ich Dich hier herzlich begrüßen. Ich finde die Äußerung befremdlich, die man Dir da angetragen hat. Sowohl aus meiner Sicht als Betroffene als auch als Angehörige und Hinterbliebene von diversen Krebserkrankungen. In den letzten Jahrzehnten habe ich mit so vielen Erkrankungen direkt und indirekt Kontakt gehabt und mich zum Teil intensiv mit den "Belangen" auseinandersetzen müssen, nicht nur aus der medizinischen Sicht. Wobei ich nicht mal aus dieser Ecke komme, aber irgendwie, weiß auch nicht, mein Leben lang immer wieder hautnahen Kontakt "aufgedrängt" bekomme. Von daher: Nein, man schliesst nie mit dem Thema "Krebs", aber auch mit diesen fiesen Autoimmunkrankheiten, mit all seinen Schattierungen, die in alle Lebenslagen einbrechen, ab. Wie auch. Die Naivität ist weg. Und gerade wenn man als junger Mensch damit konfrontiert wird. Nein, Malou, schreibe hier und tausche Dich mit uns aus. Auch wir haben ja "Redebedarf". Sonst würden wir ja nicht hier sein. :k

    Fühl Dich wohl und teile mit uns Freud und Leid.
    Viele Grüße
    JF

    Malou schrieb:

    damals war das nicht so und ich glaube, dass ich mich teilweise erst jetzt damit auseinander setze.


    Liebe Malou,

    das ist sogar ganz bestimmt so. Mit 16 ist man nicht mehr Kind, aber noch lange nicht erwachsen. Du hast damals im Rahmen Deiner Möglichkeiten "funktioniert" und nun als junge Frau kommt Dir wahrscheinlich diese ganze Tragweite so zum Bewußtsein, daß Du es auch verstehst. Das ist ein Prozeß, der Gott sei Dank eingetreten ist und deshalb hast Du auch die Möglichkeit, noch in jungen Jahren dies zu verarbeiten. Entweder mit professioneller Hilfe oder - wie Resi schon anmerkte - in Gesprächen mit Deiner Mutter. Aber auch hier werden wir uns bemühen, Dir weiterzuhelfen.

    Viele Grüße
    Anhe
    Dum spiro, spero - Cicero
    Liebe Resi, auch dir danke ich für deine lieben Worten!!
    Ich finde es auch so gut und wichtig, dass die Geschichte meiner Mutter anderen Betroffenen Mut machen kann. Als Mama damals die Diagnose bekam haben wir uns aus solchen Verläufen Kraft geholt und das möchte ich auf jedenfall weitergeben.
    Deine Geschichte klingt nicht gerade leicht...und ich weiß was du meinst mit dem verantwortlich fühlen. Ich hab mir sehr große Vorwürfe gemacht als Mama die Diagnose bekam, deren voraus ja das GBS ging welches mit einer Erkältung anfing, die sie sich geholt hatte, als sie mir beim Reiten zusah und sehr gefroren hatte. Da hab ich mich sehr schuldig gefühlt, noch dazu muss ich sagen, dass ich in der Pubertät alles andere als leicht und umgänglich war und meiner Mutter viel Kummer bereitet habe, so dass sich wieder Schuldgefühle entwickelt haben, da ich viele Artikel über die Psyche im Zusammenhang mit dem Immunsystem und dem Krebs gelesen habe...Ich habe oft das Gefühl meiner Mutter etwas zu schulden und das hat mich sicher beeinflusst in der Art und Weise wie ich heute lebe zB das nicht abkapseln können und Wege für meine Mutter zu suchen, damit es ihr auch psychisch besser geht.
    Ich spreche mit meiner Mutter nicht über meine Ängste, möchte sie damit nicht belasten, meine Mutter war immer eine sehr starke Frau aber die beiden Erkrankungen haben sie (logischerweise) verändert und sie ist nicht mehr so belastbar wie früher.
    Ich fange aber in zwei Wochen eine Verhaltenstherapie an (konnte mich endlich dazu überwinden, diesen Schritt zu gehen) um wie du schon so treffend geschrieben hast, meinen Ängsten etwas entgegenzusetzen. Ich denke, das hat sich einfach sehr aufgestaut.
    Ganz liebe grüße an Dich
    Malou
    @J.F und Anhe
    Danke! Ich merke gerade wie erleichtert ich bin, dass ich hier schreiben kann was mich beschäftigt und mich manchmal so sehr belastet, dass ich schreien möchte, weil ich es mit mir alleine herumtrage und dass hier noch so liebe Reaktionen von euch kommen.
    JA, es ist wie du schreibst J.F die Naivität ist weg und ich habe auch durch meinen Beruf bedingt sehr viel gesehen und erlebt, auch diese Bilder prägen sich ein.
    Es tut gut, hier zu schreiben.
    Malou
    @Malou

    Ich bin stolz auf dich, manchmal braucht man nur einen kleinen schubbs und ich bin froh, daß du dich überwinden konntest.

    Ein ganz lieben Gruß mausi <3
    Meine Mama
    ED BSDK 05.02.2014
    28.07.1949 - 22.06.2014

    Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

    - Jean Paul -

    Malou schrieb:

    habe auch durch meinen Beruf bedingt


    Liebe Malou,

    finde ich gut, dass Du eine Therapie startest. Ob und wie es Dir was bringt, wird man sehen. ABER :) , Du hast es angegangen. Das ist das wichtigste. Denn auch Deine Berufswahl dürfte damals den Grundstein gelegt bekommen haben. Du kannst also gar nicht so einfach mit dem Thema Krankheiten abschliessen. Alles ist in Bewegung, auch unsere Gedanken. Aus Gedanken werden Taten. Manche relativ schnell, manche werden langsam, fast unmerklich umgesetzt und man steht manchmal dann da und denkt "ups, da ist was anders" ( ^^ ;) 8) :huh: :rolleyes: such Dir was aus :) ). Und lass Dir kein schlechtes Gewissen einreden, das kann man im übrigen nur, wenn die Saat von einem selber gesetzt wurde.

    Wie gehst Du mit den beruflichen Erlebnissen um? Kannst Du die etwas von Deinem Inneren abgrenzen?

    Viele Grüße
    JF
    Danke nochmal Mausi :)

    J.F. , ja da bin ich mir auch noch nicht so sicher, aber vielleicht bekomme ich ja wirklich neue Sichtweisen und kann mein Leben ein wenig anders gestalten (da liegt noch ein wenig mehr im argen, sicher hängt alles zusammen aber das würde hier den Rahmen sprengen :P )
    Auch meine Berufswahl hing mit meiner Mutter zusammen (sie war u.a Krankenschwester) und es war wirklich nicht einfach, gerade in der Zeit als es ihr so schlecht ging. Und ich mag meinen Beruf sehr, aber vor 5 Jahren bin ich von der Klinik in ein Wohnheim für Menschen mit Behinderungen gewechselt, eben weil ich das alles nicht mehr gut abgrenzen konnte, wenn ich Patienten mit Brustkrebs hatte zB sah ich ständig meine Mutter vor mir..

    Liebe Grüße an euch alle,
    Malou
    Liebe @Malou,

    ich habe deinen Beitrag gerade eben erst entdeckt und möchte dir, wie die anderen schon vor mir, von Herzen noch einmal bestätigen, dass du hier natürlich schreiben darfst, über alle deine Ängste, deine Nöte, deine Schuldgefühle, alle Empfindungen, die du hast. Wer sollte dir das verbieten wollen, und warum? DAS genau ist doch der Sinn von Foren, von Austausch mit anderen Menschen.

    Deine letzten Jahre sind so stark verwoben mit dem Leben deiner Mutter, mit ihrer Erkrankung, mit der Angst um sie - das aufzubrechen, deine Anteile LEBEN von ihren zu trennen, neu zu erfahren, wo DU aufhörst und deine Mutter beginnt, das ist eine große Aufgabe und der Schritt in die Therapie bestimmt ein sehr sehr guter. Vielleicht können wir dich hier auf diesem neuen Weg etwas begleiten. Du wirst bestimmt viele Verunsicherungen erleben, vielleicht auch mit der Angst um dich selbst konfrontiert, die da irgendwo bestimmt auch ist. Und vielleicht fühlt sich einiges von dem Neuen für dich dann erst einmal fremd und ungewohnt an. Es wäre schön, wenn wir dabei helfen können, dir den Mut zu erhalten, das anzugehen und dabei Geduld aufzubringen.

    Auch wenn du inzwischen sicher WEISST, dass du für die Krebserkrankung deiner Mutter nicht verantwortlich sein kannst, muss das Gefühl auch noch bei dieser Erkenntnis ankommen. Ich wünsche dir sehr, dass die Angst etwas wird, das DU beherrschst und dem du einen Platz unter vielen anderen Gefühlen und festen Größen in deinem Leben zuweisen kannst. Sich von ihr beherrschen zu lassen, ist dagegen nicht gut, weil dein Leben ja unterdessen verstreicht und dein Lebensgenuss dadurch sehr beeinträchtigt wird. Zumal die Angst nicht beschützt vor dem, was du befürchtest.

    Ich wünsche dir, dass du schon bald dein eigenes Leben entdecken wirst, herausfinden wirst, was du dir sehr wünschst, was du gern machen, erleben möchtest. Ich glaube, deiner Mutter könntest du mit einem glücklichen eigenen Leben eine sehr große Freude machen. Es ist für Mütter bestimmt nicht leicht zu erleben, dass sich das Glück bei den eigenen Kindern nicht so richtig einstellen mag. Und bestimmt möchte sie nicht "Schuld" sein daran, dass dir dieses Glück noch nicht richtig gelungen ist. Wer weiß, welche Vorwürfe sie sich deshalb macht...

    Liebe Malou, willkommen hier und mögen ganz viele Gedanken von dir hier zu lesen sein. Ich bin sehr neugierig auf das, was vor dir liegt und ich hoffe, dir geht es auch so!
    ______________________
    Lieben Gruß
    c.onny

    Der Weg wächst im Gehen unter deinen Füßen...
    Reinhold Schneider