Meine traurigen Gedanken - hätte man Papa retten können?

  • Ich schreibe hier mal meine Gedanken nieder. Ich kann komplett falsch liegen, oder auch nicht.


    Diese schreckliche Krankheit hat vor einigen Jahren meinen geliebten Papa aus der Familie gerissen.

    Heute, da wieder eine Krebs Diagnose in der Familie gestellt wurde und man etwas mehr die Dinge in Frage stellt bzw hinterfragt ob das so richtig ist, habe ich das miese Gefühl, dass es damals hatte anders laufen können, das er vielleicht noch bei uns wäre. 😔


    Es war Lungenkrebs. Tumor links 6cm x 5cm ca. Inoperable weil mitten auf dem Lungen Flügel.

    Es wurde Chemo und Radiatio verschrieben. 3 Monate lange im Wechsel. Es wurde die Chemo 2 mal umgestellt, weil er es schlecht vertrug. Ergebnis im CT nach 4 Monaten. Alles weg. Man freute sich. Wir freuten uns. Ein neues Leben 🍀

    Rückschlag im nächsten CT wieder 3 Monate später. Anderer Lungen Flügel, aggressiver, Nieren Metastasen. Wieder Chemo, dies mal keine Bestrahlung mit den Worten "wir können nicht ihre ganze Lunge wegstrahlen, die brauchen Sie" . Nach 2 Monaten hieß es, die Chemo schlägt nicht an. Es wurde nichts weiter versucht. Er wurde aus der Therapie entlassen mit den Worten, genießen Sie die Zeit die Ihnen bleibt mit Ihrer Familie und ohne die Tortur der Krebsbehandlung.

    Das ist ja nett so zu denken, aber warum versucht man keine andere Chemo? (heute halte ich gar nichts mehr von Chemo, aber das war damals anders).


    Wieder 2 Monate später ist er ins Krankenhaus, weil er recht schwach auf den Beinen war, oft fast wegklappte, Appetit war kaum da. 2 Wochen war er dort und wir ebenfalls jeden Tag... Irgendwann Anruf vom Kh. Kommen Sie bitte und verabschieden sich. Es kann jederzeit vorbei sein.

    So war es dann auch 5 Tage später. Er bekam am Ende Morphium und wurde sozusagen eingeschläfert.


    Es schmerzt, wisst ihr. Ich lese hier hunderte Geschichten, wo gekämpft wird, auch von Ärzte Seite. Ich fiebere immer mit und drücke die Daumen und frage mich ob bei meinem Papa zu schnell aufgegeben wurde....

    ?(||

  • Hallo Ms.Verzweifelt


    Deine Zweifel ob man deinem Vater damals hätte retten können, kannst nur du selbst beseitigen. Du wirst nie eine Antwort darauf bekommen.


    Viele Hinterbliebene, auch ich, haben sich gefragt, was wäre wenn, hätte man und und und. Nur leider bringen diese Fragen/Zweifel dir deinen Vater nicht zurück.


    Versuch mit der Vergangenheit Frieden zu schließen.


    Wie gesagt ich hatte im ersten Jahr nach dem Tod meiner Mutter auch viele Zweifel, ob ich alles richtig gemacht habe oder ob ich etwas unversucht gelassen habe. Heute bin ich davon überzeugt, ich/wir haben alles Menschen mögliche gemacht was nur ging und nichts davon war falsch. Der Krebs war einfach stärker als meine Mama.


    Alles Liebe Mausi

    Mama

    Diagnose BSDK am 05.02.2014


    * 28.07.1949

    † 22.06.2014



    Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.


    - Jean Paul -

  • Ich lese oft hier viele Geschichte über diese Krankheit. Es ist sehr schreklich, dass so viele Leute Krebs haben. Meine Mutter hatte auch Krebs. Und ich verstehe Sie, wie es weh tut.

  • Hallo Du Ms.Verzweifelt


    Ach je - ja, ich kann Deine Gedanken verstehen, ich hatte sie auch immer wieder.

    Und auch gerade jetzt, wo meine nächste Freundin im Hospiz ist erwische ich mich, dass ich nachdenke, ob es vielleicht nicht doch noch irgendeine Chance geben könnte.


    Nein, es gibt keine und ich weiß es genau und trotzdem kommen mir diese Gedanken.


    Ich glaube es hat etwas mit "die Situation annehmen" zu tun.

    Bei ihr wurde auch alles menschenmögliche versucht, der Scheiß wächst einfach weiter.


    Deshalb möchte ich Dir und mir im Grunde dasselbe raten wie Mausi: loslassen lernen.

    Es ist schwer, wenn man sich so ohnmächtig fühlt...


    Ihr habt auch alles versucht, den Krebs meiner Freundin beeindruckte auch keinerlei Chemo und auch kein Bestrahlung - sie hat das alles auch durchgezogen.


    Ja, es ist bitter wenn es so ist...aber sie oder Deinen Papa dem trotzdem nochmal auszusetzen wäre nichts anderes als Quälerei.

    Denn SIE sind es, die all das aushalten müssen, jeden Nadelstich, die Übelkeit und sonstige Nebenwirkungen.


    Für eine Chance, die es nicht wirklich gibt?


    Gĺaube mir, hätte es noch eine reelle Chance gegeben, dann hätte man sie sicher genutzt.


    Meine Freundin wird auch bald gehen - ich wünsche es ihr auch anders, aber manchmal bedeutet Liebe auch, dass jemand gehen darf, damit er endlich Frieden hat.


    Finde Du Deinen Frieden im Herzen - ich bin ganz sicher, auch D U hast getan was Du konntest.


    Lass Deinen Papa los, sonst kann seine Seele keinen Frieden finden.


    Du darfst mir glauben: es ist kein Abschied für immer.


    Ich war am Freitag bei einem Medium und habe mit meiner 1996 verstorbenen Mutter gesprochen - sie sind NICHT weg, sie sind nur nicht mehr sichtbar, weil ihr Seelenhaus (Körper) verstorben ist.


    Alles Liebe und eine wärmende Umarmung für Dich <3

    <3Alles was du erlebst ist nicht umsonst, denn alles führt dich dahin woher du kommst...<3

  • Hallo MS ,

    mein Mitgefühl ist bei Dir....


    jedoch... rein statistisch, zu Deiner Frage, und das soll nicht gefühllos klingen...

    Zitat

    Lungenkrebs gehört zu den Tumoren mit ungünstiger Prognose: Das relative 5-Jahres Überleben liegt in Deutschland für Frauen bei 20 % und für Männer bei 15 %. ...

    von da: https://www.krebsdaten.de/Kreb…ebs/lungenkrebs_node.html

    Man weiß nie, auf welcher Seite der Statistik man ist, ...

    nun es ist mit dem "Retten" bei Lungenkrebs so eine Sache. Manchmal klappt es.


    traurige Grüße

  • Hallo MS, solche Gedanken sind schrecklich und quälen einen selber. Ich hatte sie auch lange, lang Zeit. Hätte man dieses und jenes doch anders gemacht, ausprobiert, hätte ich mehr auf jenes und dieses hinweisen können. Meine Ma hatte auch Lungenkrebs. Erst Brustkrebs, dann Lungenkrebs, mit Metastasen in Kopf, Lunge, Leber, Knochen... Mir hat dann mal jemand wegen meiner Schuldgefühle gesagt, dass man sich in einer absoluten Ausnahmesituation befand und nur so handeln/ reagieren konnte wie es einem möglich war...man ist ja durch die schreckliche Situation schon total über seine Grenzen gegangen und überfordert. Alles will man richtig machen/ sagen/ tun. Das Vertrauen muss man in die Ärzte abgeben. Für mich hat sich diese Krebserkrankung meiner Ma oft angefühlt, als würde man nicht nur ihr, sondern auch mir Gewalt antun. Weil es eine übermächtige Sache ist. Verstehst du was ich sagen will? Übermächtig- da liegt so vieles nicht in der eigenen Hand. Dieser Kontrollverlust, diese Ohnmacht. Quäle dich nicht länger mit diesen Gedanken, du hättest nichts anderes tun können in dieser Situation. Die Ärzte werden es richtig entschieden haben.

    Weisst du, als ich das erste Mal am Grab meiner Ma sass, weinte ich unaufhörlich und entschuldigte mich ständig bei ihr, dieses und jenes eben gerne besser gemacht haben zu wollen. Da war es so, als würde ihre innere Stimme in mir auftauchen, die mir sagte, ich solle doch aufhören, es war alles gut so wie man gehandelt hat.

    Ich weinte wieder und selbiges geschah und dann wurde es ganz still. Eine Stille, die so nicht in uns geschrieben steht. Eine Form von Frieden.

    Diesen wünsche ich dir.

    Mama: 08.11.63 - 03.02.16
    ( 2014 Brustkrebs, 2015 Bronchialkrebs mit Metastasen in Kopf, Leber, Knochen)
    Ich werde das nie verstehen...


    Heraustreten aus der Form- mit dem Wind, der Sonne, dem Wasser verschmelzen. In all jenem die Freiheit finden.

  • Hallo Mrs. Verzweifelt,


    diese Gedanken kennen wohl alle Hinterbliebenen. Wie gerne würde man das, was geschehen ist, doch ungeschehen machen.


    Versuche zu sehen, dass Du gar nichts hättest machen können. Dein Papa hat auf den Rat des Arztes gehört, der wahrscheinlich ein durchaus weiser Rat war. Damit hat er für sich eine Entscheidung getroffen.


    Damals.. ich weiß jetzt nicht, wann das bei Euch war, aber als mein Mann vor 5 Jahren starb, gab es nichts anderes außer Chemo und/oder Bestrahlung. Mittlerweile gibt es ein paar mehr Optionen, aber nicht für jeden und auch mit ungewissem Erfolg. Jedenfalls damals hätte man wahrscheinlich nicht mehr machen können.


    Und selbst wenn: Versuche zu sehen, dass jeder Mensch seine eigene Kraft, aber auch seine eigenen Kraftgrenzen hat. Dein Papa hat seine Grenze erreicht, als er den Rat des Arztes annahm. Und auch Du hast getan, was in Deiner Kraft stand. Ihr alle.


    Und selbst wenn es nun auf dieser Welt 10 Menschen gibt, die Kraft wie Herkules haben.. das sind halt diese 10 Menschen, zu denen Dein Papa oder auch Ihr alle zusammen nicht gehört habt. Das ist vollkommen ok so. Man kann nie mehr tun, als einem möglich ist. Man muss bei dieser Frage wohl auch einsehen, dass man selbst Grenzen hat, auch als Angehöriger. Vollkommen verständlich, dass man sich selber stärker wünscht, aber man ist nur so stark wie man ist.


    Ich persönlich glaube, dass der Ratschlag des Arztes ein guter war. Und auf jeden Fall passend für Deinen Papa, weil er dem ja nicht widersprochen hat und sich so in sein Schicksal gefügt hat. Für ihn war es auf eine Art ok so. Und dann kommt es Herkules ziemlich nahe, wenn man das dann auch als Angehörige so akzeptieren kann und den Weg zusammen geht. Herkules hat sehr viele verschiedene Gesichter, wenn Du verstehst, wie ich das meine.


    Es ist ganz schwierig, zu akzeptieren, dieses "Verlassen werden" von einem geliebten Menschen. Und so denkt man darüber nach, ob es nicht auch einen Ausweg geben hätte können. Aber.. jedes Leben ist endlich und man selbst würde zwar gerne diese Endlichkeit verleugnen, aber letztendlich muss sich jeder ihr irgendwann fügen. Ich glaube, Dein Papa hat das gewusst und sich gefügt. Er war bestimmt auch ein weiser Mann.


    Quäle dich nicht länger

    Liebe Grüße

    Mayana